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Chili und die Regenbogenbrücke

Ich weiß gar nicht so recht, wie ich mit diesem Artikel beginnen soll. Und ob überhaupt. Schließlich ist so ein endgültiger Abschied von einem geliebten Familienmitglied was ganz Privates, Individuelles. Aber vielleicht hilft er mir…

Es gab sie schon länger, diese Anzeichen, dass mit Chili irgendwas nicht stimmt, das Alter seinen Tribut fordert…aber lass´ uns etwas früher in der Geschichte beginnen:

Wir bekamen den Tschechoslowakischen Wolfhund-Rüden im Alter von 16 Wochen aus Österreich. Leider hatte er Girardien im Gepäck, was sich auch nach dem Ausheilen als dauerhafte Empfindlichkeit des Verdauungstraktes manifestierte. Das Züchterehepaar sind sehr nette Leute, wir haben bis heute Kontakt zueinander. Seinen „scharfen“ Namen hatte er schon, der Chili. Ich war ein wenig blauäugig damals und dachte, dass es auch ein Wolfhund schaffen könnte, innerhalb meiner 2-wöchigen Osterferien (Ich arbeitete damals in Teilzeit im Schulsekretariat..) das Alleinebleiben zu lernen. So ging zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit, erstmal zurück in der Berufstätigkeit, folgerichtig im Haus alles Mögliche kaputt. Uns fiel auch bald auf, dass sich Chili ungern berühren ließ, besonders, wenn er das Gefühl hatte, wir fokussieren uns auf ihn, um z. B. eine Zecke zu entfernen, ihn nach einem ausgiebigen Matschgassi abzutrocknen oder die Ohren zu inspizieren. Ganz besonders unsicher war er fremden Menschen gegenüber, die ihn anguckten oder streicheln wollten. In solchen Situationen gab es dann immer wieder warnendes Knurren und Zähnefletschen. Dem ich natürlich – ganz der Rudelchef – mit aller Härte begegnete. Andere Hunde waren Chili spätestens seit der Junghundegruppe suspekt, in der er für inadäquates Spiel mit Spritzen aus der Wasserflasche bestraft wurde.

Diese Maßnahmen hatten leider nicht die beabsichtigte Entspannung zur Folge. Wir hangelten uns also sowohl Menschen als auch Artgenossen betreffend mit verschiedenen Hochs und Tiefs durch unser gemeinsames Alltagsleben. Bis Chili, nun 3 jährig, an einem schmerzhaften Pfotenabszess litt, der tierärztlich versorgt werden musste. Schon der Ganz zum Tierarzt war immer purer Stress: Für eine einfache Impfung mussten ihn schon mehrere Personen auf dem Behandlungstisch fixieren, möglich war das Ganze ohnehin nur mit Maulkorb. Die lädierte Pfote wurde verbunden und uns auf den Heimweg mitgegeben, dass der Verband nicht feucht werden sollte. Der Gassigang am nächsten Morgen hatte prompt einen pitschnassen Verband zur Folge: Also möglichst bald abnehmen und neu wickeln. Ich sehe das Endergebnis noch wie heute vor mir: Einen im Flur zitternd an die Wand gepressten Chili, vor Angst unter sich gepinkelt, knurrend und mit in meine Richtung gebleckten Zähnen. Ich auf der anderen Flurseite mit in den Schläfen pochendem Herzen und Adrenalin bis in die Haarspitzen. Ab hier gab es kein noch so harmloses Handling mehr, das Chili entspannt mitmachte, sogar das Überstreifen des Halsbandes wurde für uns Menschen zur Mutprobe. So standen wir vor der Entscheidung: Hund weg oder professionelle Hilfe muß her!

In meiner Verzweiflung wandte ich mich an das Department für Verhaltenskunde an der veterinärmedizinischen Fakultät der LMU in München. Dr. Angela Bartels, die damalige Inhaberin des Lehrstuhls, öffnete mir buchstäblich neue Welten im Umgang mit Chili. Sie zeigte mir zusammen mit einer Kollegin, wie ich Chili ganz positiv in winzigen Schritten wieder an einen normalen Umgang heranführen kann. Sie half, verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen. Und sie war der Anstoß zu meinem völligen Umdenken in Bezug auf Hundeerziehung. Anstatt Kooperation durch Strafe erzwingen zu wollen, setzte ich nun komplett auf belohnungsbasiertes Training. Mit absolut durchschlagendem Erfolg! Endlich gab es Fortschritte, ich hatte einen guten Plan und ganz viel Hoffnung!

Viele Jahre lang wurde Chili zunehmend entspannter und gelassener im Alltag. Er lernte, sich erst mal vertrauensvoll an mich zu wenden, wenn ihm etwas komisch vorkam. Ich lernte, kleinste Anzeichen bei ihm zu erkennen und ihn vorausschauend durch für ihn schwierige Situationen zu führen. Wir übten eifrig Behandlungstraining, sodass er sich beim Tierarzt sogar entspannt freiwillig Blut abnehmen ließ. Irgendwann schaffte Chili es auch fast immer, mich an der Leine anzugucken, während wir an pöbelnden Artgenossen vorbei liefen, anstatt sich tobend auf den Kontrahenten stürzen zu wollen. Er zeigte einen tollen Rückruf und sogar an Wild blieb er brav stehen, um nur zu gucken. Anschließend drehte er sich zu mir um, kam in vollem Galopp angerannt und durfte die fette Belohnung dafür kassieren:-)!

Das Zusammenleben mit seinem Wolfhund-„Kumpel“ Akando bereitete Chili von Beginn an Stress. Zunächst war er sehr grob gegenüber Akando in dessen Welpen- und Jungtierzeit. In Akando´s zweitem Winter wendete sich das Blatt: Es gab einen bösen Ernstkampf zwischen den beiden, Chili war völlig unterlegen. Es folgte die Notaufnahme in der Tierklinik und ein stationärer Aufenthalt. Chili ist damals dem Tod um Haaresbreite von der Schippe gesprungen. Und wir hatten von da an das Problem, die beiden Rüden in Haus und Garten stets und zuverlässig zu trennen. Spaziergänge waren -zumindest von Akando´s Seite- nach einer Weile wieder recht problemlos auch gemeinsam möglich. Chili allerdings war in Akando´s Gegenwart nie mehr völlig entspannt.

Ein gutes Jahr nach diesem traumatischen Vorfall gab es bei Chili erste Anzeichen neuer körperlicher Probleme: Er baute nach und nach Muskelmasse ab. Erst fiel das kaum auf, bis auch sein Gangbild leicht unsicher erschien: Die Hinterhand wurde etwas wacklig und die Rute hing seltsam steif herunter. Im Lauf der Monate konnte man unter dem Fell am Kopf beim Streicheln die blanken Schädelknochen fühlen und am Rücken jeden Wirbel spüren. Das Auffallendste waren seine Verhaltensveränderungen: Er fiel immer wieder einmal in schon längst vergessen geglaubte aggressive Verhaltensmuster zurück. Knurrte schon bei der Annäherung an sein Bett, wollte keinesfalls mehr gehoben werden, war sogar bei Berührungen wieder immer mal misstrauisch. Eine diesbezügliche Konsultation der Haustierärztin erbrachte den Verdacht auf ein Cauda equina Kompressionssyndrom. Wir starteten einen erfolglosen Versuch, Chili durch die Gabe von Schmerzmitteln Erleichterung zu verschaffen.

Mario meinte, der Bub hätte halt mit seinem Alter zu kämpfen und wir können da eben nix machen. Mich trieb Chili´s offensichtliches Unwohlsein aber um und so landete ich wieder einmal an der LMU, diesmal in der orthopädischen Abteilung. Dort wurde an Diagnostik aufgefahren, was außer CT/MRT so möglich ist. Ergebnis: Gelenke und Skelettsystem altersgemäß tadellos, kaum Arthrose. Im Röntgen alles unauffällig, Blutwerte bestens, Allgemeinuntersuchung ohne Befund. Lediglich eine vermutete Schmerzreaktion bei bestimmten Manipulationen an den Hinterbeinen. Also wohl doch cauda eqina. Wir starteten einen neuerlichen Versuch mit Schmerzmitteln, diesmal auch mit solchen, die gegen Nervenschmerz helfen sollen. Erfolglos.

Nach meiner diesbezüglichen Rückmeldung an die Klinik meldete sich eine Ärztin telefonisch, die meinte, man könne unter Narkose und der Zuhilfenahme bildgebender Verfahren cauda equina eventuell verifizieren und dann Cortisoninjektionen direkt an die betroffene Stelle plazieren. Dies helfe oft, sei nur recht teuer.

Ich zog das Procedere tatsächlich in Erwägung. Mir kam seltsam vor, dass seine Leistungsfähigkeit auch immer mehr abnahm. Konnte das auf ein Cauda equina Kompressionssydrom zurückzuführen sein? Wir machten uns aber kurz darauf auf den Weg in den nach Corona herbeigesehnten Urlaub. Ins Müritzgebiet zum ausgiebigen Wandern, eigentlich hätte Chili super mitfahren können. So aber war an wirklich lange Wanderungen mit ihm nicht zu denken und er blieb -gut versorgt von Sohn und Tochter- zuhause.

Ich weiß noch, wie ich vor der Abreise darauf drängte, meine EC-Karte für Notfälle bei den Kids zuhause zu lassen. Wir machten mit den beiden Vierbeinern eine letzte Gassirunde vor der Abfahrt. Nicht wissend, dass es mit Chili das endgültig letzte gemeinsame Gassi werden würde. Er setzte sich anschließend wie immer mitten zwischen das bereitgestellte Gepäck vor der Haustüre, um ja nicht vergessen zu werden und war sichtlich enttäuscht, als wir Leine und Halsband für ihn nicht holten. Um sich dann vor die Türe des Arbeitszimmers zu legen. Dort wartete er immer mit Blick auf die Hofeinfahrt, bis ich wieder kam. Eigentlich konnte er nie gut ohne mich bleiben. Die Abwesenheit aller anderen Familienmitglieder war unwichtig. Aber wenn ich weg war, dann wartete er.

Und so weiß ich: Er wird auch diesmal gewartet haben auf mich. Viele Stunden, während ich im Urlaub war. Bis er nicht mehr konnte. Kurz vor unserem Urlaubsende, zwei Tage vor der Rückfahrt: Jana, meine Tochter, berichtete davon, dass er an diesem Abend nicht fressen wollte und sich auch nicht bewegen. Dass er komisch atmete. Ich schickte sie Nachts in die Tierklinik der LMU. Chili war da bereits im Schockzustand, sie mussten den Buben zum Auto und in die Klinik tragen. Kurz vor Mitternacht, im Hotelbett sitzend, telefonierte ich mit der diensthabenden Ärztin. Chili hatte starke Flüssigkeitsansammlungen im Herzbeutel, die auf die Herzkammern drückten. So sehr, dass sein Kreislauf zusammenbrach. Wahrscheinlichste Ursache: Ein bisher unerkannter, bösartiger Tumor. Die Prognose: Sehr schlecht. Eine Punktion am Herzen könnte versucht werden aber sein Zustand lässt wenig Erfolgschancen vermuten. Ich müsse mich umgehend entscheiden, weil dringender Handlungsbedarf bestünde.

Nach Rücksprache mit Jana entschied ich mich dafür, meinen Bürdi gehen zu lassen. Chili hatte von mir viele, doofe Spitznamen bekommen: Chilibaby, Babybubi, Bürgel, Bürdi, Babyger, Bobele. Keine Ahnung, warum. Sie waren allesamt liebevoll gemeint.

Ich habe viele Tränen um ihn geweint. Noch in dieser alptraumhaften Nacht. In den verbleibenden eineinhalb Urlaubstagen, für die wir uns dann doch noch entschieden haben. Bei meiner Rückkehr im Anblick des leeren Hundebetts. Das Schlimmste war: Ich konnte Chili nicht begleiten, nicht bei ihm sein in seinen letzten Stunden, mich nicht verabschieden von meinem geliebten Vierbeiner.

Auf jeder Gassistrecke war ich in den folgenden Tagen Zuhause das erste Mal ohne ihn unterwegs. Ich wusch die Autodecke, verschenkte sein restliches Futter, saugte die Haare aus dem Auto, finde dort immer noch welche. Ich roch an seinem Halsband, bevor es in die Wäsche kam. Es hängt immer noch an der „Hundegarderobe“.

Wir haben viel miteinander gemacht: Jahrelang Mantrailing, verschiedenste Nasenarbeit, Kurse in Hundeschulen. Chili war ganz oft mit dabei auf Verwandtschaftsbesuch, im Urlaub, beim Wandern, auf Seminaren, Fortbildungen und Ausflügen. Wir konnten ihn problemlos überall hin mitnehmen. In den letzten Monaten habe ich mit ihm noch eine Ausbildung zum Spürhund für Wolfspräsenz im Rahmen des EU-Projektes LivestockProtect begonnen, die uns beiden viel Spaß gemacht hat. Leo und Gabi, die Ausbilder von den Naturschutzhunden haben mich und meinen Hundesenior dabei begleitet. Ich hatte Chili auch noch einige Male in meinen eigenen Hundeschulkursen dabei, wo er ein bisschen mitmachen und vorzeigen durfte. Darüber freue ich mich nun und es tröstet mich, weil ich weiß, das hat ihm gefallen und er hat nochmal sein Bestes gegeben.

Run free, mein lieber Fellfreund! Ich bin unendlich dankbar für Alles, was ich mit und von dir lernen durfte. Ich hoffe, du hattest ein gutes Leben bei uns!

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